Latent aggressiver Unterton

Als in Schleswig-Holstein lebender und ich Hamburg arbeitender Mensch, wurde ich mal wieder darauf gestoßen, das alles unterhalb vom Norden und Osten einen weiteren Feiertag hatte….wir jedoch nicht.

Ich war sogar leicht irritiert, als mich der Rentner aus Hessen anschrieb ob ich einen Brückentag nehmen werde…Wann, wofür, welchen Feiertag gibt es denn noch?

Nein neidisch war ich nicht…gönne ALLEN ihre Feier- und Brückentage…ich hab genügend Terminarbeit zu erledigen und war ehrlichweise sogar ziemlich froh, das es am Freitag, auch ohne den Brückentag, extrem leer in unserem Büro war.

Was mich neben dem Hinweis auf den Brückentag aber noch mehr irritiert hat, ist der leicht gehetzte, genervte und angespannte „Ton“ in den Nachrichten des Rentners. Das ist sonst gar nicht seine Art und ich hab ihn darauf angesprochen….er meinte es wäre nichts, außer das seine Frau weiterhin Probleme mit ihrem Zahnersatz hat…und doch scheint da noch etwas anderes zu sein.

Gestern schrieb er mir um 12.32 Uhr das er in Whatsapp Bilder in seinen „Status“ gestellt hätte, wenn ich mir die denn anschauen wolle. Ich schaue so gut wie nie in den Status-Bereich…denke, wenn mir jemand etwas zeigen will, dann schreibt er mir einfach eine Nachricht und hängt die Bilder an. Also macht mich der Rentner immer darauf aufmerksam, wenn es etwas zu sehen gibt, weil von alleine würde ich es nicht mitbekommen. Aber während der Arbeitszeit schaue ich nur selten auf mein privates Smartphone.

Seine Nachricht hab ich erst am Abend gesehen und die Status-Bilder waren nicht mehr dort….als ich es ihm schrieb, hat er eine komische, in meinen Augen patzige Antwort gegeben…sehr irritierend. Auch seine Aussage er hätte den Status einen Tag zuvor um 12 Uhr reingestellt (nach 24 Stunden erlischt der Status wieder automatisch)..aber er hat mich erst am nächsten Tag um 12.32 Uhr informiert, also als die Bilder schon wieder weg waren…warum ärgert er sich dann, das ich „zu spät“ bin??? und noch ein paar schnippische Bemerkungen. Selbst wenn ich unmittelbar nach seinen Hinweis in den Status geschaut hätte, wären die Bilder nicht mehr da gewesen.

Das war jetzt nicht die ersten Nachricht mit so einem latent aggressiven Unterton…Aber vielleicht bin ich einfach nur zu empfindlich. Kenne mich andererseits aber gut genug, um solche Antworten schon vorzufiltern, aber selbst danach bleibt die Antwort immer noch unentspannt und patzig.

Habe beschlossen es achselzuckend zur Kenntnis und nicht nicht weiter persönlich zu nehmen. Am Montag haben wir eine Telefon-Verabredung….dann klären wir das.

Ich hab da so eine Ahnung. Die beiden Rentner wohnen in einem kleinen Dorf ca. 50km von Frankfurt entfernt. Terrasse und Garten des Reihenhäuschens sind in Blickrichtung auf viele weitläufige Felder….und auf dieser riesigen Fläche hat vor ein paar Wochen jetzt der Ausbau einer großen Wohnsiedlung mit Geschäftsgrundstücken für Supermärkte usw., begonnen. Schon vor 2 Jahren, als die Pläne bekannt wurden, wollten sie ihr Haus verkaufen und wegziehen…das hat aber nicht geklappt, weil sie nichts Neues gefunden haben, was preislich machbar gewesen wäre. Die Preise sind inzwischen so hoch, das der Erlös des Hauses nicht für ein anderes Haus oder eine große Wohnung gereicht hätte.

Also sind sie geblieben und nun haben sie tagtäglich den Krach einer riesigen Baustelle direkt vor der Terrasse. Der Rentner ist nervlich schon während der letzten Jahre im Büro nicht stabil gewesen, das hatte sich aber ziemlich gut entwickelt, seit er früh in Rente gehen konnte..

Ich vermute also das dies der Grund für sein angespanntes Verhalten ist….latent aggressiv…wahrscheinlich merkt er es selber nicht einmal.

Baustelle im Job und vor dem Fenster

Baustelle im Job und vor dem Fenster

Die gesamte Woche war….schwierig.

Während mein direkter Kollege sich im Dauer-Kampfmodus befand (noch 1 Woche – dann hat er endlich Urlaub) und er mehr als einmal, laut darüber nachgedacht hat, einfach alles hinzu werfen…hat direkt vor unserem Fenster eine Großbaustelle begonnen.

Schon seit Wochen konnten wir erahnen, das es bald los gehen wird…und in dieser Woche war es dann auch soweit…ein riesiger…ja was ist das eigentlich…haushoher Bohrer, der Löcher in den Boden gräbt, um dann später an gleicher Stelle riesige Platten, die wie Spundwände aussehen, im Boden zu versenken. Na egal…auf jeden Fall macht das Ding einen heiden Lärm.

Also haben wir die Wahl: Entweder frische Luft und irrsinnige Lautstärke oder aber relative Ruhe, dafür bei der Schwüle in der Stadt im eigenen Saft schmoren (es gibt tatsächlich keine interne Belüftung oder Klimaanlage). Wir sind da unterschiedlicher Auffassung….ich bin ja für die frische Luft.

Dazu bin ich jetzt unvermittelt in den firmeninternen Kampf um Informationen zwischen Dänemark und Deutschland geraten…Da das Hamburger Büro ja nur eine kleine Exklave ist, kommen die Informationen aus der Zentrale nicht immer bei uns an…und wenn, dann viel zu spät und das heißt: jetzt brennt es…und in meinem speziellen Fall in dieser Woche, hab ich erst nachmittags mitbekommen, das ich für eine der Gesellschaften am gleichen Tag einen vorgezogenen geschätzten 1/2-Jahres-Abschluss abgeben sollte. Ein kleiner Satz in einer weitergeleiten E-Mail…

Zum Glück war einer der Inhaber aus DK vor Ort und als er mich am Abend fragte, warum ich eigentlich immer noch da sei, ich wäre ja schon vor ihm im Büro gewesen hab ich es erklärt…und dann hat er mich ganz schnell nach Hause geschickt…die DK-Kollegen hätten ihm bereits am Vormittag so einen Abschluss präsentiert…da hätte wohl jemand vergessen, mich zu informieren. So manches Mal kann ich meinen Kollegen also verstehen, wenn er sich ärgert…

Während mein direkter Kollege dabei immer wieder über Zeitmangel klagt, kann und will er sich aber auch nicht auf das Wesentliche konzentrieren…sondern verliert sich im Klein-Klein der Arbeit. Ich hab vorsichtig versucht ihm zu vermitteln, das ich seinen Ärger verstehen kann, es aber aktuell besser wäre, wenn er diesen Kleinkrieg um Nichtigkeiten nicht jetzt führen würde, und er sich stattdessen lieber auf die großen wichtigen Dinge konzentriert, die jetzt zeitlich im Vordergrund stehen… stehen müssen….

Lach…KEINE gute Idee…. auf die Tirade die dann folgte, wusste ich dann auch nichts mehr dazu zu sagen…und hab einfach die Klappe gehalten….Aber auch das ich Rücksicht nehme, wollte er dann nicht klaglos hinnehmen…und war beleidigt als eine Kollegin mich nach etwas Grundsätzlichem fragte und wir in den Besprechungsraum gegangen sind…das war ihm dann auch nicht Recht…so hat er ja nicht mit bekommen, was sie mich gefragt hat… Das Gute ist, der Kollege meint mit dem Motzen nicht MICH…ist jeden Abend und Morgen freundlich und nett zu mir und dann können wir uns auch gut unterhalten…ich bin gleichbleibend freundlich …. aber zum Quatschen bin ich in dieser Woche lieber zu den anderen Kollegen gegangen…

Am Freitag hat er dann den Vogel abgeschossen….als wir über die MWST-Senkung und die notwendigen Anpassungen im System gesprochen haben, wollte er unbedingt das ich ihm das Thema Innergemeinschaftliche Erwerbe / Lieferungen und den Unterschied zu den innergemeinschaftlichen sonstigen Leistungen im Reverse Charge-Verfahren nach 13b USTG erkläre…. und dann wollte er unbedingt alles JETZT sofort im System ändern….

Wieder so eine Sache, die nicht unbedingt JETZT sofort geändert werden muss….es reicht doch, wenn wir erst einmal die 16%/ 5% in unserem System anlegen…die anderen Änderungen aufgrund eines falschen Verständnisses für das Thema, laufen schon so lange bei ihm unter den falschen Begrifflichkeiten, das können wir noch später ändern…Aber nein…

…es kam wie es kommen musste, nach seinen Änderungen hat es bei ihm im System nicht mehr funktioniert …und auf seine fast panische Überreaktion, kam die Frage ob ich ihm wohl helfen kann… (zur Erinnerung er arbeitet seit 8 Jahren mit dem ERP-System…ich seit 3 Monaten)….

..und ja ich hab den Fehler gefunden. Grins – das ist eine meiner Stärken: wenn jemand ungeduldig wird, weil ein Programm nicht funktioniert, dann werde ich noch ruhiger und suche in den Grundeinstellungen… hier merkt man wieder, wie hilfreich meine Erfahrungen als langjähriger Key-User eines SAP-vorgelagerten Sytems sind…wenn Kollegen bei der Bedienung eines Programms Probleme hatten, riefen sie bei mir an…und erst wenn ich normale User-Fehler ausgeschlossen hatte, hab ich das Problem an die IT weiter gereicht.

Ich dagegen werde ungeduldig und laut und kann sogar ausrasten wenn die Hardware nicht funktioniert…die Berechtigungen nicht klappen, die Zugangsdaten nicht stimmen…wenn integrierte Systeme nicht laufen oder ich es nicht schaffe ,die verschiedenen Teile an eine Dockingstation zusammen zu schließen…das überfordert mich ..lach…

Nun gut…die Woche war also in vielerlei Hinsicht anstrengend…und an den Abenden war ich dann entsprechend platt. Während ich es am Montag noch geschafft habe, abends meine große Runde zu walken, hab ich an den anderen Tagen mittags eine kleine Runde in der Mittagspause gedreht…und mich abends auf die Couch gefreut.