60 ist nicht alt

Anfang der Woche hab ich, mit Blick auf den Kalender, realisiert das mein Ex-Mann seinen 60. Geburtstag hat.

Der nächste Gedanke war: man der ist ja schon echt alt.

Na klar weiß ich, das 60 NICHT alt bedeutet und auch gar nicht heißt ,das man nicht mehr im Leben steht.

Aber aus der Sicht einer 52-Jährigen ist 60 dann schon noch ein großer Sprung …und dann realisiere ich auch erst, wie alt ICH schon geworden bin…. Da ich mich wesentlich jünger fühle ist das immer so ein kurzer Moment des Aufmerkens..

Ich war 16 und er 24 als wir zusammen gekommen sind und für meinen Vater war dieser Mann: einfach zu alt für mich….hahahaha und dann auch noch ein Motorrad-Fahrer….

Na immerhin waren wir dann 18 Jahre zusammen….und nun wird dieser immer jungenhaft und oft kindlich wirkende Mann auf einmal 60.

Irgendwann nach der Scheidung hat er darum gebeten, das ich mich nicht mehr zu Geburtstagen usw. melde und ich habe mich daran gehalten, um ihm das Leben nicht  zu erschweren. Aber jetzt hab ich ihm doch eine SMS geschrieben um zu gratulieren (Whatsapp oder andere social Media nutzt er nicht )….

Er hat sich dann auch sehr schnell für die Glückwünsche bedankt und  geschrieben das er sich einen gemütlichen Tag  in seinem „Paradies“ macht…. das ist der  ehemalige Selbst-Versorger Hof  (in Westfalen sagt man auch „Kotten“) seiner Tante, den er wohl nach ihrem Tod geerbt hat.  Da gab es bis vor 20 Jahren nicht mal eine Wasserspülung für die Toilette und kein Badezimmer….geheizt wurde über den Alles-Fresser-Ofen in der Küche und die anderen Räumen hatten für die ganz kalten Winter eine Heizung die man manuell mit Öl füllen musste.

Und die Toilette mit Grube darunter war im Waschküchen-Anbau….  der ganze Kotton liegt sehr einsam in einer Senke, umgeben von Feldern und in der Nähe zum Groß-Bauern….wir waren früher fast jedes 2. Wochenende dort um beim Ernten zu helfen (ich) oder um Holz zu hacken (er)….

Aus seinen Nachrichten klingt sein Leben zufrieden und friedlich und das ist genau das, was ich mir für ihn gewünscht habe. 

 

Suche nach mir Selbst : Rückblick

Suche nach mir Selbst : Rückblick

Ich hab mich so richtig auf Kassel gefreut…das Wetter zeigte sich von der schönsten Seite und so hab ich nach der Parkplatzsuche erst einmal für den nötigen Sonnenschutz gesorgt…Am Rande der Fußgängerzone  waren dutzende Einsatzfahrzeuge der Polizei und eine ältere Dame sagte mir, es wird eine Demonstration stattfinden…gegen „Rechts“  – Anlass war die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU) Anfang Juni in Wolfhagen

Irgendwie fühlt sich das hier so nah an und macht mich gleich doppelt betroffen….Ich hab vor 17 Jahren in einem der Neben-Orte von Wolfhagen gewohnt….Aber vor Demonstrationen nehme ich grundsätzlich  reiss-aus…das sind mir eindeutig  zu viele Menschen…

Ich habe mich also mit meinem Fahrrad in den Volkspark verzogen…erst einmal direkt zur Orangerie. Dort gibt es das Planetarium und ein Restaurant mit großem Außenbereich…direkt im Park. Eine malerische Kulisse. Dort habe ich mich mit Räucherlachs und Rösti  gestärkt (das hab ich in Kassel zum 1.Mal in meinem Leben gegessen…allerdings während eines Besuchs im Staats-Theater und nicht im Park).

Das Besondere an dem Volkspark in Kassel: Er liegt direkt in der Stadt und ist riesig groß….und sobald man dort ist, hört man nichts mehr von der Stadt….Der Park liegt etwas unterhalb der Fußgängerzone und auf der anderen Seite ist die Fulda….dahinter beginnt das ehemalige BUGA-Gelände….und mit dem Fahrrad sind es nur 30 km bis HannMünden…. Den Weg bin ich früher oft gefahren.

Ich war insgesamt nur 1,5 Jahre in Kassel….aber der Volkspark war mein Lieblingsort, er war eine Art geschützter Raum für mich, eine Art Wohnzimmer…den Park hab ich bei eisigen Minus-Temperaturen im Winter stetig durchwandert und mein unbändiges  Gefühl der Verlorenheit hinausgebrüllt (wenn denn Niemand in der Nähe war)….hab den Bäumen und Seen  meine Verzweiflung erzählt nicht zu wissen, WER ich denn eigentlich bin,…ich war mit Anfang 30 zum ersten Mal in meinem Leben allein (war von NRW nach Hessen gezogen, hatte eine Karriere und hatte mich gerade von meinem Ehemann getrennt mit dem ich seit meinem 16.Lebensjahr zusammen war) …und wusste nicht, was ich eigentlich vom Leben wollte…ich hab auf den Wanderungen in dem Park in endlos erscheinenden Diskussionen mit mir selbst, nach MIR gesucht…und mich dann  auch gefunden.

Ab dem Frühling bin ich mit dem Fahrrad durch den Park gefahren…kreuz und quer…und immer wieder … rüber in die Fulda-Aue…und um den BUGA-See herum….durch die Felder bis nach HannMünden…und noch weiter…und wieder zurück. Das war in dem heißen Sommer 2003. Da wusste ich schon was ich wollte…hatte auch Freunde gefunden…und wusste das ich doch nicht mehr lange bleiben werde, die Karriere war nicht das, was ich wollte. Da saßen wir bis Ende Oktober bei immer noch warmen Wetter bis spät abends  mitten auf dem Rasen vor der Orangerie.

Im Volkspark in Kassel hab ich MICH damals als Mensch neu gefunden und  die Weichen für meine Zukunft gestellt, habe dort meine Entscheidungen vorbereitet und dann auch getroffen….

Irgendwie erscheint es mir nur logisch an diesen Ort zurück zu kehren, um die nächsten gravierenden Entscheidungen in meinem Leben durch den Park zu tragen….und es tat gut…