kleiner Grenzübertritt

Samstag letzte Woche bin ich früh am Morgen zu Schwester+Schwager gefahren. Ich liebe gute Frühstücks-Cafes und Flensburg hat wirklich einige davon. Das sind dann nicht, wie bei mir hier, Bäckereien mit angeschlossenem Cafè, sondern moderne Bistros mit reichhaltiger Auswahl an diversen Frühstücken oder Frühstücks-Buffets.

Die Beiden hatten für 10 Uhr im Central Cafe einen Tisch reserviert…die bieten seit Corona ein „Tisch-Buffet“ und auch ein „Luxus-Frühstück“ das ist inclusive Sekt, O-Saft, Kaffee und Tee. Bei Beiden wird in Etageren und kleinen Schüsselchen alles serviert, was ein Frühstücksliebhaber so essen mag…Honig und Nussnougat-Creme kommen auch in kleinen Schraubgläsern, Eiersalat usw. in offenen Glasschälchen, dazu jede Menge verschiedene Aufschnitt und Käse, knusprigen Speck und Rührei, gekochte Eier, Lachs, leckere gebratene Scampis in Kräuteröl, aufgeschnittenes frisches Obst, etwas Roastbeef….dazu Brötchen, Brot und Croissants…

Und obwohl es von allem nur „Etwas“ gab, war das natürlich alles viel zu viel für 3 Personen, Eine gute Idee fand ich aber, das man die Reste direkt eingepackt bekommt und mit nach Hause nehmen kann. So wird es nicht weggeschmissen, sondern kann später noch gegessen werden und das Café spart sich die Entsorgungskosten.

Nach dem ausgiebigen und unterhaltsamen Frühstück – bei dem ich aber gar nicht so viel gegessen habe, sind wir anschließend in die Nähe von Wassersleben gefahren, Das ist eine kleine Siedlung am Rande von Flensburg, hat einen wunderschönen Sandstrand in der Bucht der Flensburger Förde und bietet einen der kleinsten Grenzübertritte Europas: die Schusterkate

Es gibt einen kleinen Pfad bis zu einer schmalen Holzbrücke über den Fluss Krusau und mitten auf der Brücke ist die Grenze zwischen Deutschland und Dänemark.Das alles sieht sehr unspektakulär aus und da zu viele Menschen auf der Brücke waren, gibt es kein Bild davon.

Es ist auch so unspektakulär, weil es keine Landesschilder gibt…man merkt es nur an der Sprache auf den Schildern…ansonsten merkt man nicht, das man von einem EU-Staat in den nächsten gewandert ist. Wir sind auf der dänischen Seite, bei insgesamt trüben Wetter, direkt am Wasser und durch den Wald gewandert. Auf dem Rückweg ging es dann noch auf der deutschen Seite die teilweise etwas höher gelegenen Wanderwege entlang…

Trotz des trüben Wetters haben wir uns noch ganz entspannt an einem Strandcafè den ersten Glühwein der Saison gegönnt…der wurde in herrlichen alten Porzellan-Bechern serviert und wir saßen warm eingepackt draußen ….es war wenig los und wunderbar ruhig

Es war heute auch eher ein gemütlicher Wohlfühltag, als ein strammer Wandertag…also war klar, es geht um Entspannung, ruhige Unterhaltungen und gutes Essen.

So war es nicht verwunderlich als ich später zum Kaffee bei den Beiden zuhause, auf einmal einen gekauften Baumkuchen aufgetischt bekam und mir vor Rührung fast die Tränen kamen. Das muss ich wohl erklären:

Wir sind, zum großen Teil, in Soest aufgewachsen, da gibt es eine Kuchenfabrik…ja wirklich ein Fabrik – also kein kleiner Handwerksbäcker, sondern eine riesengroße Industrie-Anlage, die Fertigkuchen in 80 Ländern der Welt verkauft. Jetzt bin ich ja ein Fan von selbstgemachtem Essen und auch selbstgebackenem Kuchen. Aber diese frischen Baumkuchen aus der Fabrik, das sind nicht nur schöne Kindheitserinnerungen , sondern hat mich auch sptäer immer weiter begleitet…ich hab mit meinem damaligen Mann in einem Wohngebiet gewohnt, wo der Duft der Kuchenfabrik immer zu uns rüber wehte…und wir konnten im Werksverkauf den wirklich frischen Kuchen als 2. oder 3. Wahl (also mit optischen Mängeln) für kleines Geld kaufen.

Ein Baumkuchen der quasi aus der Produktion direkt in den Werksverkauf ging, war somit manchmal nur ein paar Stunden alt…und schmeckt ganz anders, als wenn dieser ein paar Monate später beim Einzelhändler zu kaufen ist. Und jetzt hatten sie ihn hier bekommen…ja okay – also nicht so frisch – aber eben eine schöne Geste der Erinnerung….und entsprechend hat er auch geschmeckt.

Simplicissimus als Verbindungs-Element

Noch einmal werfe ich einen kleinen Blick zurück auf meinen Urlaub in Hessen. Weniger als 60km von Frankfurt entfernt liegt ein Kleinod…eine kleine schmucke Stadt mit viel Geschichte: Gelnhausen

Ich wäre eigentlich nie auf die Idee gekommen hierhin zu fahren, da mir der Name zwar bekannt ist, wie so viele Orte hier in der Gegend, aber in mir keinen Klang ausgelöst hat…und so wusste ich gar nicht was für eine schöne kleine Stadt das ist:

  • zwischen 2007-2013 war ein Ortsteil von Gelnhausen die geografische Mitte der EU (durch die Erweiterung der EU verschob sich die Mitte allerdings später wieder)
  • die Stadt wurde von Kaiser Friedrich 1 gegründet und wird deshalb auch Barbarossastadt genannt
  • Es gibt noch 5 erhaltene Tortürme und Teile der Stadtbefestigung aus dem Mittelalter
  • Es war mal eine Reichsstadt und hat eine Kaiserpfalz
  • Geburtsstadt des Autors Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (Simplicissimus)

Und mit dem Autor des 17.Jahrhunderts schließt sich sogar ein Kreis zu der Stadt, in der ich aufgewachsen bin….Soest. In dieser Kleinstadt in NRW hat Grimmelshausen einige Zeit gelebt und so hat die Stadt auch Einzug gehalten in sein Werk: Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch, ein satirischer Abenteuerroman über den 30jährigen Krieg….in dem sein Protagonist einige Zeit als „Jägerken von Soest“ sein schelmisches Unwesen trieb.

Und heute ist die Kunstfigur des „Jägerken von Soest“ als Anlehnung an den Simplicissimus, ein Wahrzeichen der alten Hansestadt…..besonders zur jährlichen Soester Allerheiligenkirmes, die immer am Mittwoch nach Allerheiligen für 5 Tage die historische Altstadt in ein einzigartiges Spektakel verwandelt. Das war für uns Kinder immer unsere „5. Jahreszeit“… Ausnahmezustand in der gesamten Stadt.

Aber zurück zu Gelnhausen…es macht einfach Spaß durch diese alte kleine Stadt zu laufen…..und überall wird liebevoll die Stadt aufgehübscht, um den altertümlichen Charakter auf moderne Art zu erhalten: Wie bei diesen 2 alten Rädern, die als Tische eines Cafés dienen

Später saßen wir mitten auf einer kleinen schmalen Fußgänger-Gasse im Außenbereich eines Restaurants und ich hatte das Gefühl im Süden Europas zu sein…es wurde dazu auch noch schwülwarm und unsere langanhaltende angeregte Unterhaltung konnte auch der später einsetzende sehr heftige Regen nicht stoppen….. allerdings mussten wir uns ins Restaurant retten…Wind und Regen waren so heftig, das sich sogar auf dem alten Holzboden im Restaurant ein kleiner See bildete…der Regen wurde durch die geöffneten Türen reingedrückt….

Nach dem Regen sind wir dann aber auch bald aufgebrochen…es war spät geworden und ich bin ja noch am gleichen Abend weiter nach Kassel gefahren…