Was ist normal?

Sonntagmorgen auf dem Balkon…heute ist es wieder windstill und da reichen die 13 Grad, um sich mit Kaffee, Jacke und Decke nach Draußen zu setzen…Füße auf dem Hocker und Laptop auf den Knien, aus dem Kaffeebecher neben mir, dampft der heiße Morgenkaffee.

Da das Haus in dem ich wohne, nicht mitten im Nirgendwo steht, sind auch jetzt schon Menschen in den Häusern drumherum, auf ihren Balkonen, vor den Häusern….telefonieren bei geöffnetem Fenster, unterhalten sich,….jetzt nicht laut oder durchdringend…alles im normalem Rahmen….angemessen für einen Sonntagmorgen um 9.18 Uhr….

…und doch fällt es mir gerade schwer, das hinzunehmen…hatte ich mich doch sofort nach dem Aufstehen flugs hierhin gesetzt, um noch für ein paar Minuten, 1/2 Stunde wenigstens, die Stille des Morgens für mich zu haben.

Da ist es mal wieder… dieses Extreme bei mir. Flugzeuge die über das Haus fliegen oder die S-Bahn, die alle 20 Minuten vorbei fährt, stören mich nicht….aber Menschen die weit entfernt sind und normal laut sprechen, Wecker die leise irgendwo klingeln, Musik die von irgendwoher leise rüberschallt, triggern mich so, das ich es nicht schaffe, es zu ignorieren.

Ich verstehe ja, das laute Musik, lautes Reden und Party (wie in der letzten Nacht aus dem Nebenhaus) mich stören….aber an einem Samstagabend hab ich dafür Verständnis…setze die Kopfhörer auf, mache die Balkontür zu und gut ist.

Aber normale Lebens-Geräusche sollten mich doch nicht so triggern, das ich schon wieder nach den Kopfhörern greife.

Das hier ist normales Leben, mit normalen Geräuschen…nichts davon ist unnormal…nur ich – ich fühle mich mit dieser Überempfindlichkeit auf Geräusche mal wieder wie ein Exot – wie ein Fehlexemplar.

…noch während ich das hier schreibe, ist alles um mich herum wieder ruhig geworden und ich lausche wieder auf das Vogelgezwitscher und schaue einem Eichhörnchen beim Klettern zu….jetzt ist meine Welt wieder in Ordnung…und ich bin wieder entspannt.

Seit ich hier wohne, hab ich mich bereits an viele Lebensgeräusche gewöhnt….und meistens schaffe ich es auch, mich nicht davon triggern zu lassen….und falls doch, dann setze ich eben die Kopfhörer auf und höre ruhige Musik oder „Weisses Rauschen“.

Meine Nachbarn unter mir haben z.B. wieder einmal vergessen über das Wochenende ihren elektrischen Wecker auszustellen und sind weggefahren…..also tutet es jetzt ZWEI Stunden von 5:30 – 7:30 Uhr ununterbrochen….und ich höre es in jedem Raum.

Durch die Party nebenan bin ich letzte Nacht erst spät zum Schlafen gekommen und wurde dann um 5.30 vom Wecker der Nachbarn wach….hab die APP für „Weißes Rauschen“ angeschaltet, die kleinen Kopfhörer in die Ohren gestopft und konnte dann noch etwas weiter schlafen. In der kommenden Woche werde ich das Gespräch mit den Nachbarn suchen. Der Wecker ist scheinbar neu, denn bisher hab ich das Geräusch noch nie von unten gehört. Das ist zwar störend, weil ich davon wach werde, aber es triggert mich nicht so stark, wie ich es vermutet hätte.

Ich muss aber immer wieder bewusst Geräusche zulassen, akzeptieren und annehmen….und es geht schon bei vielen Geräuschen besser….manche kann ich inzwischen sogar gut ignorieren…aber manches Mal, wie heute, fällt es mir sehr schwer.

Ich hatte ja gehofft, das durch den Hörsturz vor ein paar Wochen ein paar der ganz hohen Töne gar nicht mehr bei bei mir ankommen….hahaha mein Ohr hat sich aber (zum Glück natürlich) vollständig davon erholt.

Triggern bedeutet, das auf einen bestimmten Reiz (Geräusch, Wort, Verhalten) eine heftige emotionale Reaktion ausgelöst wird. Bei mir sind es Geräusche und das nennt man dann auch Misophonie…eine neurologische Störung. Die negativen emotionalen Reaktionen, die viele Geräusche bei mir auslösen, kann ich dabei nicht wirklich kontrollieren…ich kann nur versuchen mich der Situation zu entziehen oder mich abzulenken.

Telefonat mit unterdrücktem Flucht-Reflex

Nach Feierabend hatte ich noch eine Telefon-Verabredung mit einer ehemaligen Kollegin aus Hessen. Die letzten Tage hab ich viel mit meiner Schwester telefoniert und beruflich telefoniere ich auch viel mehr, als sonst…und Morgen hab ich noch eine Telefon-Verabredung mit dem Rentner aus Hessen…..und da sage noch einer man kann sich nicht ändern….ich telefoniere immer noch nicht gerne….aber es wird besser.

Ich bin ja sehr eigen und mag es nicht, wenn sich Jemand in einem Gespräch mit mir, nicht darauf konzentriert, sondern nebenher noch andere Dinge macht….oder noch schlimmer, dabei auch noch isst. Ich empfinde die Geräusche im Hintergrund dann immer als übermässig laut und störend, während die Anderen irritiert sind, das ich

1. die Geräusche überhaupt höre,

2. die Ablenkung in Stimme und Reaktion wahrnehme und es dann auch noch

3. Anspreche ….weil es MICH ablenkt und teilweise sogar blockiert einer Unterhaltung zu folgen oder zu gestalten.

Meine liebe ehemalige Kollegin aus Hessen hat also während wir telefonierten: Kartoffeln geschält und dann lang und breit auf einem Holzbrett klein geschnitten….und unter fließendem Wasser abgewaschen, und die Auflaufform aus dem Schrank gezerrt….und dabei ging die Verbindung immer wieder von gut auf schlecht und wieder zurück…alles Geräusche die es mir während eines Telefonats schwer machen, zu glauben, das mein Gegenüber ganz bei der Sache ist.

Wahrscheinlich geht es wieder einmal nur mir so, aber ich empfinde es fast als unhöflich….aber ich versuche es zuzulassen….es anzunehmen und mich auf die Unterhaltung zu konzentrieren…und NICHT auf die Nebengeräusche….es hat ein paar Minuten gedauert und dann ging es ganz gut.

Ich versuche also mich mehr und mehr zu konditionieren, mich von Geräuschen nicht triggern zu lassen. Meine natürliche Reaktion ist: mich mittels Flucht der Situation zu entziehen….also das Gespräch schnell zu beenden oder so lange zu intervenieren, bis der Andere die Nebengeräusche abstellt.

Natürlich kann ich nicht immer dem Flucht-Reflex nachgeben…also habe ich schon vor Wochen angefangen Strategien gegen meine Misophonie einzuüben, um dem natürlichen Bedürfnis aus der Situation zu entkommen, entgegen zu treten.

Das ist nicht leicht und bedeutet mich dem Trigger-Geräuschen auszusetzen, es anzunehmen und wenn möglich, meinen Fokus auf etwas anderes zu lenken. Das ist ja keine Krankheit, kann also auch nicht geheilt werden…ich brauche daher Bewältigungs-Strategien um damit leben zu können.

Während der Pandemie war es einfach, allen und jedem unangenehmen Geräusch aus dem Wege zu gehen und so konnten sich mein Gehirn und mein Gehör von vielen Geräuschen tatsächlich so erholen, das einige sogar keine Überreaktionen in mir mehr auslösen. Andererseits hab ich mich dadurch auch so von Geräuschen entwöhnt, das mir jetzt viele normale Umgebungsgeräusche unnatürlich laut erscheinen und ich diese eher wahrnehme als früher. Also Fluch und Segen zugleich.

Aber die Ausgangslage hat sich trotzdem verbessert: Ich bin emotional ausgeglichener und schaffe es eher mich den Trigger-Geräuschen durch Ablenkung meiner Aufmerksamkeit auf etwas Anderes, zu entziehen. Aber es bedeutet, das ich ständig an mir arbeite, was anstrengend ist.