…soooo was ist denn sonst noch in den letzten Wochen passiert: nun diesen Mittwoch, 01.04. hat es mich, nach Feierabend, schon wieder an die Elbe gezogen…
In der Nacht auf den 01.04. vor 8 Jahren ist mein Vater verstorben. Ich habe mit meinem Vater nach seinem Tod „meinen Frieden“ gemacht, was viel mit meiner Kindheit/Jugend zu tun hatte. Die Themen waren vielschichtig und beinhalteten auch so manches Familien-Drama über die langjährige Untreue unserer Mutter und über seine Vaterschaft bei uns Mädels, die zumindest sehr zweifelhaft in meinem Falle ist.
Bei uns gab es auch nie diese enge herzliche Familienverbundenheit, selbst dann nicht, nachdem unsere Mutter das Weite gesucht hat. Unser Vater war mit uns Kindern bis zu seinem Tode immer in einer Art „Wettkampf-Modus“….er wollte immer alles besser können, besser, schneller, höher, weiter, und vor allem er wusste immer alles besser (in seinen Augen) und mit der Wahrheit hatte er auch so seine eigene Wahrnehmung und naja es fühlte sich nie leicht an…und nie wirklich beschützt oder behütet.
In den letzten 20Jahren, vor seinem Tod, wohnte meine Schwester schon in Schleswig-Holstein und ich in Hessen, während unser Vater weiter in NRW lebte. Er hat sich zwar oft beschwert, das wir uns so wenig meldeten, aber wenn wir uns gemeldet haben, wollte er die Gespräche oft schnell wieder beenden. Gegenseitige Anteilnahme am Leben des Anderes kam so nie wirklich zustande und war von meiner Seite auch irgendwann nicht mehr gewollt…zu groß die Belastungen aus der Kindheit und Zurückweisungen und immer diese Lügen.
In diesem Jahr wollte ich mal wieder seines Todes gedenken und habe ein paar kleine Rosen gekauft, bin mit dem Auto ans Elbufer in der Nähe von „Övelgönne“ gefahren. Dort am Elbstrand bin ich entlang geschlendert, habe mich bei dem schönen Wetter erst auf einer Bank und später auf einem Baumstumpf nieder gelassen, mit großem Schwung die Blümchen in die Elbe geworfen (ging nicht anders, sonst wären sie sofort mit den Wellen wieder an Land gespült worden) und habe kurze Zwiesprache mit meinem Vater gehalten.
Er hat in Emden eine Seebestattung bekommen. Deshalb zieht es mich ans Wasser und hier eben an die Elbe, wenn es um die Erinnerung geht. Immerhin ist er in Hamburg aufgewachsen, hat hier unsere Mutter kennen gelernt. Ich wurde (viel später natürlich) hier geboren.

In mir herrscht bei dem Thema „Vater“ inzwischen Frieden und Stille. Für mich ist alles geklärt und es stresst mich nicht mehr. Aus dem Grunde konnte ich nach der kurzen Zwiesprache mit ihm, auch einfach nur die herrliche Sonne, die Stille am Elbufer um diese Uhrzeit und das Rauschen der Wellen genießen…
Ja – das hat alles viele Jahre gedauert, um an diesen Punkt zu gelangen…aber es war es wert. Und wie fängt man so etwas an? Ich habe meinem Vater verziehen. Ich bin überhaupt kein gläubiger Mensch, glaube nicht an Gott…bezeichne mich inzwischen als überzeugten Atheisten.
Verzeihen hat jedoch weder etwas mit Vergessen, noch mit Religiösität zu tun und man muss dazu auch gar nicht mit der Person in Kontakt treten. Es hat nur mit meinen eigenen inneren Verletzungen zu tun, mit dem Bewusstsein das ich meinen Frieden machen möchte, ohne zu Vergessen. Es ist ein Akt der Selbstfürsorge um Verletzungen aus der Vergangenheit zu überwinden und unbelasteter in die Zukunft zu schauen…ohne mit Groll zurück zu blicken und sich davon gefangen nehmen zu lassen.
Dazu sagt Wikipedia:
Durch Vergebung verzichtet eine Person „auf den Schuldvorwurf und auf ihren Anspruch der Wiedergutmachung des erlittenen Unrechts, ohne die erlittene Verletzung zu relativieren oder zu entschuldigen. Vergebung ist ein vorwiegend innerseelischer Prozess, der unabhängig von Einsicht und Reue des Täters vollzogen werden kann“.[4] Durch Vergebung befreit sich die verletzte Person aus der Opferrolle. Sie ist nicht mehr nachtragend. Die Tat kann nicht ungeschehen gemacht werden; aber die verletzte Person kann besser mit den Folgen leben. Wer vergibt, handelt ähnlich einem Gläubiger, der einem zahlungsunfähigen Schuldner die Schuld erlässt. Vergeben wird nicht die Tat, sondern vergeben wird dem Täter.[2]
Das ist natürlich ein extrem vielschichtiges Thema und ich spreche hier nur für mich…jeder hat da seine eigene Sichtweise und ich bin auch kein Psychologe, sondern berichte nur über meine eigenen Erfahrungen und Verhaltensweisen…die müssen nicht für alle Menschen passen.