Ein Blick weit zurück

Ich hab eine Kabarett-Sendung gesehen, die mich sehr berührt und zum Weinen gebracht hat…und seitdem stelle ich mir eine Frage: Was würde ich heute Meinem 12/13jährigem ICH von damals mit auf den Weg geben.

Ich war mit 12 Jahren mehr als pummelig, ungelenk und tapsig, dazu extrem schüchtern und nicht kommunikationsfähig, konnte schon damals bestimmte Geräusche kaum ertragen (heute nennt man das: Misophonie) und fühlte mich am Wohlsten, wenn ich alleine sein konnte.

Mir wurde mit jeder Faser suggeriert, das ist nicht okay so, wie ich bin und mein Vater wollte das mit Stenge ändern, während meine Mutter sich dabei nicht so viel Mühe gegeben hat…sie war froh, wenn ich brav und unsichtbar blieb…also blieb ich das auch Meistens.

Nur bei den gemeinsamen Mahlzeiten fiel ich durch die Auswirkungen der Misophonie und auch schon durch die Klaustrophobie unangenehm auf….saß ich doch in der kleinen Küche auf einem Platz, eingezwängt zwischen der Küchenwand rechts neben mir, der Wand zur Speisekammer hinter mir, und meine Mutter links neben mir und dem Tisch vor mir. Ich konnte von alleine dort nicht weg und musste die Geräuschkulisse ertragen, obwohl ich mehr als einmal dabei durchdrehte.

Ein Jahr später, als meine Mutter weg war, wurde es besser…aber nur deshalb, weil ich jetzt die Pflicht hatte, direkt nach dem Essen das Geschirr abzuwaschen (per Hand – Spülmaschinen waren Anfang der 80er Jahre noch Luxus) und die Küche wieder sauber zu machen….und damit durfte ich dann auch schon anfangen, wenn mein Vater und meine Schwester noch nicht mit dem Essen fertig waren.

Mein Vater stand schon immer auf den Typ „Twiggy“ und wollte, das wir seinem Ideal entsprachen…da passte ich natürlich so gar nicht rein und unsere Cousine wurde uns immer als Vorbild gepriesen. Sie sah aber auch eher aus wie ein Engel…oder wie wir es sagten wie ein Hungerhaken: groß, sehr schlank und mit langen blonden Haaren (dafür mit unnatürlich großen Schneidezähnen)…meine Schwester war klein, zierlich und hatte nur ein paar blonde Flusen auf dem Kopf, ich war zwar groß, dafür eben pummelig, mit einem runden Gesicht und extrem dicken, langen kastanienbrauen Haaren. Also Beide waren wir nicht gerade das Ideal, wie uns unser Vater gerne gehabt hätte.

Und durch den Weggang unserer Mutter wurde unser Selbstbewusstsein auch nicht wirklich besser, hatte sie den Kontakt zu uns Beiden doch sehr schnell abgebrochen und uns schon nach einem Jahr nicht einmal mehr zum Geburtstag geschrieben. NICHTS kam mehr (und nein, unser Vater hätte eventuelle Briefe gar nicht aufhalten können, da WIR immer täglich den Briefkasten geleert haben, während er noch im Amt war).

Wie soll man als 13jährige da bitte schön ein robustes Selbstbewusstsein aufbauen, wenn die eigene Mutter keinen Kontakt zu ihren Kindern möchte und der Vater sich lieber Kinder wünscht, die schlank, schön und kommunikativ sind. Ich fühlte mich immer als Mängelexemplar.

Schon damals wurde mir klar, das da Niemand ist, der sich um mich kümmern wird…mein Vater war zu sehr damit beschäftigt, sich in dem Leben als alleinerziehender Vater, mit Vollzeitjob zurecht zu finden und suchte mehr und mehr Halt in immer mehr Alkohol…meine Schwester versuchte sich die Bestätigung in ihrem Freundeskreis zu holen und bei den Jungs, die dieses quirlige und lustige Mädchen toll fanden.

Was mir schon damals Halt gab und auch mein Selbstbewusstsein förderte, war Wissen und Lesen.

Schon lange bevor ich einen Bücherei-Ausweis bekam, hab ich die Bücher gelesen, die auf einem hohen schwebendem Regal bei uns im Wohnzimmer standen. Daran zu kommen, ging nur mit etwas Akrobatik und mit Hilfe eines der Sessel, um von dort auf das Sideboard zu Klettern, damit ich überhaupt in Griffnähe der Bücher kommen konnte. Es waren Erwachsenen-Bücher, meistens Romane über den 2.Weltkrieg wie „Die Nackten und die Toten“, „Oleander, Oleander“, „Heißer Sand“, „Papillon“ oder sonstige Schinken wie :“Krieg und Frieden“, „Der große Brockhaus“,  Teile aus der Bibel und jede Menge Spionageromane, an deren Namen ich mich kaum mehr erinnere.

Nicht das ich diese Bücher hätte lesen dürfen, aber ich hab den Schutzumschlag der Bücher im Regal stehen lassen und die Bücher in meinem Zimmer versteckt…da ich mich ja selber um mein Zimmer kümmern musste, konnte es so auch meinem Vater nicht auffallen. Da war es von Vorteil fast unsichtbar zu sein.

Und mit dem Wissen aus der Schule und den daraus resultierenden guten Noten, hab ich mir selber mein Selbstbewusstsein aufgebaut…trotzdem hab ich ich mich körperlich immer noch als falsch empfunden und blieb verletzbar. Ich wusste damals schon, das ich anders bin: ernster, zurückhaltender, nachdenklicher, mit dem Hang zur Selbstreflexion und durchaus auch einem Hang zur leichten Schwermütigkeit. 

Den Humor in mir, hab ich erst später entdeckt…genauso wie die Lust am Sport und das Selbstbewusstsein aufgrund eines zunehmend ansehnlichen Äußeren und die Fähigkeit mich entsprechend zu kleiden, um meine körperlichen Vorzüge zu betonen.

Innerlich blieb ich trotzdem immer das kleine Pummelchen…und wenn ich heute die Bilder aus meiner aktiven Tanzzeit mit Mitte 30 sehe, bin ich überrascht, wie schlank ich da war….währenddessen fühlte ich mich mit Kleidergröße 36 immer noch pummelig…und hatte das Gefühl alle anderen Turniertänzerinnen sind zierlich, schlank und schön, nur ich nicht. Eine echt verquere Sichtweise auf mich selbst, hatte ich da immer noch – eben die Sichtweise meines Vaters.

Was hätte ich also meinem 13jährigen ich von damals gerne mit auf den Weg gegeben? Du schaffst das – Du bist stark. ….wirst mal beruflich Karriere machen, ne Menge Geld verdienen, leidenschaftlich gerne (und erfolgreich) Tanzen, leidenschaftlich lieben (und entlieben) unabhängig und selbstbewusst sein und deine seelische Mitte finden….Es wird viele Jahre dauern, aber alles wird gut, wenn Du Dich nur auf Dich selber verlässt….

Urlaub – 2.Zwischenstopp: Wittmund

Urlaub – 2.Zwischenstopp: Wittmund

Wittmund – eine kleine Stadt in Ostfriesland. Was zieht mich ausgerechnet hierhin?

Nun, als kleines Kind hab ich hier gelebt, mit Eltern und Schwester. Mein Vater war bei der Marine als Funker tätig. Natürlich hab ich keinerlei Erinnerungen an diese Zeit. Ich kenne nur die Bilder von damals, wo wir im Garten spielen…ich konnte gerade mal Laufen. Es war also nach dem schweren Unfall meiner Eltern kurz nach meiner Geburt (da lebten meine Schwester und ich 1/2 Jahr getrennt bei Verwandten, während unsere Eltern im Krankenhaus lagen) und bevor wir nach Flensburg gezogen sind.

Irgendwie hat mich der Ort interessiert….es ist eine kleine Stadt mit 21.000 Einwohnern und Kreisstadt des 2.kleinsten Landkreises Deutschland.

Beschaulich ist es hier….gemütlich und sehr ruhig….wenn ich mal mehr als 50 Jahre zurück blicke, war es wahrscheinlich mordslangweilig für eine lebenshungrige junge Frau aus Hamburg, die mit 2 kleinen Kindern hier festsaß…während ihr Mann oft beruflich lange weg war.

Das ist zwar keine Entschuldigung für das Verhalten meiner Mutter damals und in den nachfolgenden Jahren…aber es bietet mir eine Erklärung, warum sich das Leben dann für unsere Familie später so verändert hat…so schwer und so radikal….das könnte die Ausgangslage gewesen sein, auch wenn es nur eine Vermutung ist….evtl. hätte es sich auch in einer größeren Stadt genauso entwickelt…wer weiß das schon.

Aber zurück zur Stadt Wittmund. Ich mag die altertümliche kleine Stadt mit viel Rotklinker….

In der Fußgängerzone gibt es die „Hands of Fame“ berühmter Deutscher Persönlichkeiten, nach dem Vorbild des „Walk of Fame“ in Hollywood…überhaupt versucht der Ort sich touristisch gut zu vermarkten…aber an dem Sonntagnachmittag blieb es trotzdem ziemlich leer auf den Straßen und in den Grünanlagen.

Es gibt einen Schlosswall und auch einen Schloßpark. Das mit dem Wall ist ja etwas, was mich überhaupt immer sehr an meine Kindheit erinnert….das läd zum Bummeln und Schlendern ein.

Leider nehmen auch hier die Krähen-Kolonien lautstark den Park für sich ein….da bietet die Innenstadt tatsächlich mehr Ruhe, als der Park…etwas was mir auch schon in anderen Kleinstädten aufgefallen ist.

Trotzdem macht es Spaß durch das Grün zu schlendern und die Stadt zu erkunden. Nach einer ausgiebigen Ruhepause bei Kaffee und einem Eis ging es dann weiter in Richtung meines Urlaubsziels: einem Landgasthof in der Nähe von Emden.

Erwachsen-werden in den 70er

Wir stellen bei unseren Unterhaltungen immer wieder fest, wieviel Glück wir hatten Ende der 60er geboren zu sein. Als Kinder in den 70ern hatten wir zwar komische Kleidung, dafür aber auch viele Freiheiten….unsere Eltern hatten einfach nicht dieses Helikopter-Verhalten, wie Eltern heute und wir konnten ohne Aufsicht in kleineren Wäldern, an Flüsschen und  auch in der Stadt herumtollen und das Leben entdecken. Meine Mutter hat uns bei schönem Wetter immer wieder aus der Wohnung gescheucht….geht spielen – draußen…wir musste nur bei Sonnenuntergang wieder zuhause sein….und sagen wohin wir gehen….aber sonst gab es keine weiteren Verbote. Ich weiß nicht ob es die Eltern nicht interessierte oder ob sie sich einfach keine weiteren Gedanken darüber machten…wahrscheinlich letzteres

….egal, ich weiß auch  nicht wie oft ich in die „Schledde“ gefallen bin und nass nach Hause kam…lach….das gab höchstens Ärger das wir der Mutter mehr Arbeit machten….aber sonst…

Als „Schledde“ bezeichnet man  in Westfalen Temporärgewässer, die nur zeitweise Wasser führen, mir erschien es als 7-8jährige als wilder Fluss mitten in einem Waldstück… ein herrlicher Ort zum Träumen und planschen…sehr oft bin ich sogar stundenlang ganz alleine durch Wald und Felder gestreift – meine Freiheit als Kind, bis wir dann weiter in die Innenstadt gezogen sind….dort war mein Lieblingsspielplatz eine Häuserruine die schon Jahre zuvor durch eine Gasexplosion entstand…natürlich war es verboten dort zu spielen….und hier hatte ich auch Angst alleine da rein zu gehen – bis heute habe ich Angst vor Gas.

….und in den 80ern dann erwachsen zu werden…hier gab es zwar noch schlimmere Modesünden, aber wir hatten auch viele Möglichkeiten, tolle Musik, aufkommende Technik….und man hatte auch mit „nur“  Hauptschulabschluss noch die Möglichkeit eine normale Ausbildung zu machen und mit Zusatzausbildung auch eine  Karriere….heute geht ohne Abitur und Studium kaum  noch etwas.  Die Chancengleichheit von Arbeiter- und Akademikerkindern war noch greifbar…heute ist das pure Illusion.