Kleine Strategien

Das Bewegen in Menschenmassen fühlt sich für mich oftmals herausfordernd an…aber im Laufe der Jahre hab ich mir viele kleine Dinge angewöhnt, die mir das Leben leichter machen..und ich bin freundlicherweise gefragt worden, welche das denn sind.

Um es vorweg zu nehmen, ich habe keine Patentlösung dafür und auch nimmt es mir nicht meine Angst vor engen Räumen und vielen Menschen, aber ich kann damit mein Unwohlsein oftmals reduzieren, wenn ich den Situationen nicht ausweichen kann.

Allerdings ist eine meiner Hauptstrategien bewusstes Bewegen im „öffentlichen Raum“ und das heißt eben oft auch einfach: Vermeidung.

  • Ich gehe nicht in die Fußgängerzone, ins Kino, in ein Einkaufszentrum oder in den Park wenn ALLE Anderen es auch tun…ich nutze dann eher die frühen Morgenstunden oder die letzte Stunde bevor der Markt oder der Laden schließt. Ins Kino gehe ich erst, wenn der Film schon etwas länger läuft..ich muss nicht die Erste sein.
  • Wenn es trotzdem voll in der Stadt wird, nehme ich oft Seitenstraßen, die parallel zu den vollen Straßen entlangführen, auch im Einkaufszentrum, schlängele ich mich oft durch die Seitengänge.
  • Ich mache mich auf Gehwegen nicht klein – sondern groß. Wenn ich mich klein mache, werde ich nicht wahrgenommen und noch weiter an den Rand gedrängt. Mache ich mich dagegen groß und etwas breiter als ich bin und nehme RAUM ein, dazu hilft eine gerade Körperhaltung, nicht eng am Rand entlang laufen und zur Not die Ellenbogen ein wenig vom Körper abzuwinkeln….dann haben die meisten Menschen eher das Bedürfnis mir auszuweichen. Nicht weil ich etwas bedrohlich wirke, sondern es ist der natürliche Reflex des Menschen, nicht mit einem Anderen zusammen stoßen zu wollen (natürlich gibt es auch hier Ausnahmen)
  • Ich laufe vorausschauend und wenn ich sehe, das mir ein Schwung Menschen im Pulk entgegenkommt, und ich nicht ausweichen kann, dann kommt meine Hauptstrategie: Ich winkle fest meinen linken Arm halboffen vor meinem Körper an, so das die Hand leicht nach außen zeigt (in etwa wie ein Tänzer, der mit dem Arm seine Partnerin locker umfassen möchte)….und lasse die Menschen quasi an diesem Arm „abfließen“…so hab ich vor mir einen zusätzlichen Raum von ca. 20-30 cm geschaffen…und das ist genau dieser zusätzliche Raum, der bei mir meistens ausreicht, um nicht in Panik zu verfallen.
  • Zusätzlich nehme ich dazu die linke Schulter ganz leicht nach vorne, was mir einen sicheren Stand und damit auch emotional hilft mich dem „zu Stellen“
  • Das ist auch meine Strategie in Aufzügen, wenn ich es nicht vermeiden kann..meistens nehme ich jedoch die Treppe.
  • In Aufzügen und anderen engen Situationen versuche ich zusätzlich meinen Blick nach Oben zu richten und tief und bewusst zu atmen.
  • und wenn Menschen beidseitig an mir vorbei wollen…ich also durch einen Pulk Menschen hindurch gehen muss, denn nehme ich Beide Arme gleichzeitig nach vorne…ähnlich einem Schwimmer beim Brustschwimmen….so das sich die Fingerspitzen vorne fast treffen. Belustigte Blicke ignoriere ich…denn meistens funktioniert es…es hilft auch oftmals ein freundliches „sorry“ oder „kann ich bitte kurz…“
  • Wann immer es geht, hab ich einen festen Einkaufskorb dabei…den ich in jede Richtung als Abstandshalter einsetzen kann..nämlich immer dort, wo es mir gerade zu eng wird
  • natürlich hilft beim Schlange-stehen auch ein nettes Wort…ich bin ehrlich, ich warte meist zulange damit und dann bin ich schon zu angespannt und damit auch nicht immer so nett, sondern knurre eher.
  • In Cafes und Restaurants suche ich mir immer Plätze am Rand und immer so, das ich möglichst auf einer Bank sitze oder zumindest so, das der Rücken nicht zum Gang hin zeigt….Laufwege der Bedienungen meide ich ebenfalls.
  • Sitze ich in einem Gang um zu warten (z.B. im Amt oder Krankenhaus) und die Menschen gehen zu dicht an mir vorbei, nehme ich entweder meinen Korb und stelle ihn vor mir ab, wenn ich den nicht dabei habe, strecke ich meine Beine etwas weiter aus…behalte aber den Gang im Auge, möchte ja nicht, das jemand anderes über meine Beine stolpert.
  • und sollte sich jemand zu nahe bei mir hinsetzen und ich fühle mich eingeengt, dann wechsle ich auch schon mal den Platz
  • Im Büro ist der direkte Weg zu meinem Schreibtisch etwas verengt…dadurch bleiben die Kollegen schon vorher stehen und es weiß auch jeder das ich ein Problem mit Enge habe und die Kollegen reagieren entspannt, wenn ich mit dem Stuhl ein Stück zur Seite rutsche oder sie bitte, sich nicht an meiner Stuhllehne abzustützen, wenn ich darauf sitze.
  • ….es gibt noch einiges mehr…aber das sind nur so kleine Dinge…die mir oft kaum mehr bewusst werden…ich mache es einfach…

Wie gut das funktioniert hängt aber immer auch von meiner Tagesform ab…und manchmal funktioniert das alles gar nicht…vor allem nicht, wenn ich müde bin oder hungrig…wenn ich unter Zeitdruck etwas erledigen möchte auch nicht…es geht meistens richtig gut, wenn ich entspannt bin und mich bewusst darauf einlasse.

Und natürlich sind das auch Dinge die ich nur deshalb so flexibel einsetzten kann, weil ich alleine lebe und auf niemanden sonst Rücksicht nehmen muss…Wenn es mir zu voll wird im Supermarkt oder Restaurant dann gibt es eben etwas anderes zu Essen..und wenn der Park zu voll ist, dann fahre ich eben woanders hin oder auch wieder nach Hause…ich kann es nicht erzwingen …aber meistens kann ich ganz gut damit leben, auch wenn es sich stressig anhört…ich bin ja sowieso eher der Typ Einzelgänger und liebe meine Ruhe.

Scheu vor Menschen

Meine Scheu vor den Menschen nimmt gerade mal wieder viel Raum ein….und der Fluchtreflex ist groß, vielleicht sollte ich den Kurs heute doch lieber absagen?

Dabei freue ich mich seit einem Jahr darauf, das es endlich los geht…wenn da nur nicht die fremden Menschen wären.

Dabei bin ich im „Erst-Kontakt“ super…bin dann meistens super locker, schlagfertig und lustig…kann das Schweigen der Masse durchbrechen und Menschen zum Reden bringen. Aber wenn ich den gleichen Menschen dann mehrmals begegne werde ich von mal zu mal zurückhaltender und stiller…und unsicherer.

Das ist schon ein sehr merkwürdiges Verhalten, erklärt sich aber dadurch, das ich mich bei einem fremden Erst-Kontakt i.d.R. nicht wirklich öffnen muss…wenn ich aber Menschen öfter treffe, wie z.B. in einem Verein, dann muss ich die ja ein Stückweit in mein Leben lassen…muss mich öffnen – und das hab ich in den letzten Jahren verlernt. Bin ja auch sehr zufrieden mit meinem Leben, wie es ist.

Wie anders sind doch meine alten Kontakte, die – die mich schon seit Jahren kennen….so wie ich vor ein paar Wochen meinen ehemaligen Tanzpartner zu Besuch hatte…da hatte ich keine Scheu mich zu öffnen…der kennt mich ja ziemlich gut und weiß, wie ich ticke, da brauche ich mich nicht zu erklären…das war ein tolles Wochenende.

Aber neue Menschen in mein Leben lassen will ich eigentlich nicht…oder doch, ja schon…wenn da nur nicht diese Hürde wäre… Ich bin 54 Jahre alt, eine gestandene Frau, selbstbewusst und stark, stehe mitten im Leben, bin unabhängig und hatte bisher immer viel Erfolg im Leben…..und doch kommt da immer noch das kleine, pummelige, extrem schüchterne und introvertierte Kind zum Vorschein und übernimmt die Regie in meiner Gefühlswelt.

Natürlich gebe ich dem Fluchtreflex nicht nach…obwohl er dieses Mal schon sehr stark ist, seit ich weiß, das der Kurs heute insgesamt über 8 Stunden geht. Ich dachte die Stunden würden sich besser auf die beiden Tage verteilen.

Wie heißt es so schön: Auch dieser Tag wird vorüber gehen.

Und heute Abend weiß ich dann hoffentlich mehr, ob ich es mir vorstellen kann ein paar der Menschen dort in mein Leben zu lassen. Denn das war ja der ursprüngliche Plan: ich suche mir einen Sport der mir gefällt, gehe damit in einen Verein und baue hier neue Sozialkontakte auf….seufz….wenn da nur die Menschen nicht wären…..

Neue Normalität

Im Gegensatz zu Hamburg, kann ich hier in Schleswig-Holstein nicht nur wieder zum Frisör oder zum Gartencenter…ich kann auch wieder relativ normal in vielen Geschäften einkaufen gehen.

Relativ normal meint hier: zwar mit Maske, Desinfektionsmittel, Abstand und Kundenbegrenzung je qm, aber immerhin dürfen die Geschäfte öffnen, man darf REIN gehen und das OHNE Termin….Also eine Art neue Normalität.

Also Shopping mit Termin wäre für mich überhaupt keine Option…dann würde ich lieber gar nicht in die Geschäfte gehen….so aber hab ich jetzt die Möglichkeit…solange die Inzidenzwerte hier so moderat sind. Ob ich diese Möglichkeit aber auch nutzen möchte, ist eine ganz andere Frage.

Auch die Möglichkeit seit dem 1.3. wieder zum Frisör zu gehen, hab ich bisher nicht genutzt….auch wenn der Laden gestern sehr leer war….ich hätte mir einen Sofort-Termin geben lassen können…aber irgendwie wollte ich nicht….ich scheue davor zurück und das hat nicht einmal etwas mit Angst wegen des Virus zu tun…

….eher ein diffuses Unbehagen einen anderen Menschen so nah an mich herankommen zu lassen…hahaha…zumal die Friseurin bei der ich sonst bin, gerade gar nicht im Laden war….na klasse….also werde ich doch noch Corona-schrullig….

Aber immerhin bin ich gestern Abend mal wieder in einem Klamotten-Laden gewesen…JA – ich hätte gerne eine neue Bluse und Jacke für den kommenden Frühling…und entgegen meiner eigenen Erwartung, war mein eigenes Kauf-Empfinden jetzt nicht so anders, eben wie sonst auch …schön war`s ….und ich hab sogar genau das gefunden, was ich gesucht habe. Also ein positives Erlebnis, aber eben nicht so, wie manche es aktuell beschreiben, als langersehntes und überschäumendes Glücks-Gefühl wieder shoppen zu dürfen…hahaha….

Ich müsste jedoch noch dringend in 2 sehr großen Geschäften meine Gutscheine einlösen, bevor diese Ende des Monats endgültig verfallen (keine Rabatt-Gutscheine – sondern Geld-Gutscheine) …aktuell schreckt mich aber der Gedanke, das ich vor dem Eingang Schlange stehen muss und das es trotz der Begrenzung zuuu voll werden wird. Schlange stehen ist auch ein Teil unser neuen Normalität….etwas was wir eigentlich schon fast verlernt haben…geduldig zu sein und zu warten, bis wir dran sind.

Aber mal schauen, evtl. nehme ich mir heute gegen Abend doch noch einen der Einkäufe vor…..

Lieblingsplatz – freigegeben

Bevor jetzt gleich weiter die Straße aufgerissen wird, hab ich mich auf meinen Lieblingsplatz begeben, dem Balkon.

Mit Strickjacke und Decke und einer dampfenden Tasse Kaffee. Es sind ca. 15 Grad…Auf der einen Seite höre  ich bereits die Autos die sich zügig auf dem Weg ins tägliche Einerlei durch den Ort kämpfen. Auf der anderen Seite höre ich wie sich die Arbeiter in Stellung bringen um die andere Straße weiter auf zu reißen. Beides ist zwar außerhalb meines Sichtbereiches, aber dafür unüberhörbar….Ebenso wenig die Flugzeuge, die hier rüber fliegen.

Ohhh es ist 7:17  und die Maschinen legen los…schade – ich dachte ich hätte noch ½ Stunde Ruhe… die hören jetzt den ganzen Tag nicht mehr auf.

Viel Zeit hätte ich heute ohnehin nicht um Stille und Ruhe (wenn sie denn da wären) zu genießen. Ich muss noch einiges vorbereiten… Ich hab heute mein Team zu einem kleinen Umtrunk mit Abendessen eingeladen.

Erst jetzt wird mir bewusst, wie lange ich niemanden mehr zu mir nach Hause eingeladen habe. Ohhha – ich hab mich ja echt ganz schön verkrochen in den letzten Jahren. Nicht das ich mich unwohl damit gefühlt hätte. Ich lebe ja nach dem Prinzip „my home is my castle“ …es ist mein Rückzugsort, meine Trutzburg – mein geschützter Raum. Ein Platz der mir gehört…mein Schneckenhaus.  Und diesen Platz teile ich nur mit den Vögeln und Eichhörnchen.

Aber so zurück gezogen wie  ich in den letzten Jahren hier gelebt habe  spiegelt nur einen Teil meiner Persönlichkeit wider.  Ich hab eigentlich immer gerne Freunde eingeladen und bekocht…ich war gerne Gastgeber, war in meiner Clique auch immer ein Teil  der Feste mit organisiert hat, der sich kümmert….in den letzten Jahren hab ich mich allerdings nur noch um meinen heutigen Ex-Freund gekümmert und er mochte nie zuhause Besuch bekommen.

Das hat es mir leicht gemacht, mich ebenfalls wieder weiter von anderen zurück zu ziehen. Bitte nicht falsch verstehen…er hat mich nicht „gezwungen“ – aber es war einfach diesen Weg weiter zu gehen.

Sich auf andere Menschen einzulassen hat bei mir auch immer etwas mit dem Überwinden  von Scheu und tiefliegender Schüchternheit zu tun. Und dieses Überwinden tut mir zwar gut, aber kostet jedes Mal Kraft. Der Weg des geringsten Widerstandes bedeutet eben es sich leicht zu machen – auch wenn der Verstand sagt: das ist nicht gut.