Deutschland und die Bürokratie

In den letzten 1,5 Monaten habe ich viel gelernt…über die Bürokratie in Deutschland.

Wenn ALLES normal funktioniert merke ich die Bürokratie nicht wirklich, ich lebe in geordneten Bahnen und bin mit einem gewissen Maß an Bürokratie groß geworden…bin es gewohnt das alles klappt, weil ich mich an Alles halte…Ich KENNE also meine notwendige Bürokratie (nicht bei Rot über die Ampel fahren, Steuererklärung jährlich abgeben, Personalausweis beantragen wenn dieser abläuft) und fühle mich nicht davon eingeengt.

Aber wenn ein Pensionär stirbt, bekommt man die volle Breitseite an Bürokratie zu spüren…und als Kind eines Beamten im Ruhestand ist man doppelt gestraft, vor allem wenn man weder selber Beamter ist, noch Privatpatient.

Ich hab mich also mit dem Prinzip Private Krankenkassen-Abrechnungen, Beihilfe, Testamentseröffnung, Erbschein, Sterbegeld, Bankvollmacht und die Folgen im Erbfall beschäftigt. Und mit jedem weiteren Formular, mit jeder weiteren Bescheinigung, mit der nächsten beglaubigten Abschrift aus dem Stammbuch, den Scheidungsurteilen, Geburts- und Heiratsurkunden wächst in mir die Frage wozu besitze ich eigentlich einen Personalausweis der doch meine Identität bescheinigt, wenn die Echtheit meines Daseins doch nur über beglaubigte Abschriften von allen Urkunden bewiesen werden kann?

Krass finde ich auch wie man als Kind eines verstorbenen Beamten an das Sterbegeld kommt. Jeder Deutsche Rentner der stirbt bekommt 3 Monate seine Rente weiter gezahlt….Bei einem pensionierten Beamten läuft das anders. Der bekommt nur den aktuellen Monat seine Rente und dann noch 2 Monate Sterbegeld…die müssen aber beantragt werden …UND  !!!! alle Erben müssen sich einig sein und schriftlich zustimmen das das Sterbegeld an einen der Erben ausgezahlt wird….!!!!! UND dieser Erbe – der das Sterbegeld ausgezahlt bekommt muss das mit Steuerklasse 6 auch noch versteuern. (Steuerklasse 6 ist für Nebenjobs und hat einen sehr hohen Steuerabzug)….und das was dann dabei übrig bleibt muss dann ja auf alle Erben aufgeteilt werden….

Seufz….ja,ja die Bürokratie hört aber da noch lange nicht auf. Weil die Erben für den Verstorbenen auch noch bis zum Todestag die Steuererklärung abgeben müssen….und das Recht auf Erstattung der Arztrechnungen wir mit vererbt, d.h. wir müssen bei Krankenkasse und Beihilfe die Rechnungen zur Erstattung reinreichen….Was ja positiv ist, weil wir nicht auf den Kosten sitzen bleiben….

Nun inzwischen fühle ich mich etwas sicherer im Umgang mit diesen Themen und reagiere auch etwas gelassener und routinierter beim Ausfüllen der Anträge…lach….aber geheuer ist mir das Ganze immer noch nicht. Es geht um viel Geld… (solche Krankenhausrechnungen gehen schnell man in die Tausende und wenn dann die Beihilfe oder auch die Krankenkasse Beträge kürzt, dann muss man Widerspruch einlegen, Begründungen schreiben….manchmal dachte ich, ich verliere den Überblick und an einigen Tagen war ich einfach nur noch verzweifelt, weil nichts voran ging. Immerhin verbringen wir auch noch die Wochenende in der Wohnung meines Vaters und eigentlich brauche ich auch noch viel mehr Zeit für meinen Job….zum Glück kann ich gut organisieren…und noch hab ich alles im Griff.

Aber es kostet eine Menge Zeit und Lauferei und ich hab so viel telefoniert, wie in den letzten Jahren nicht….

Der Tod hat gleich zweimal zugeschlagen

Mein Vater ist Ostersonntag gestorben 1.4. früh morgens….also eigentlich in der Nacht.

Seit der OP haben wir mit Ärzten, Pflegern und Sozialstation gesprochen, immer im ständigen Wechsel…reihum… und Donnerstagabend ist er auf die Palliativ-Station des Krankenhauses verlegt worden….Er hat alles verweigert: Nahrung, Trinken, Medikamente, er wollte keinen Zugang gelegt bekommen…kein Antibiotikum gegen die Sepsis….nichts wollte er mehr…anfangs nicht einmal Schmerzmittel. Die Ärzte wussten sich keinen Rat mehr  – auf der Station konnte er nicht bleiben, denn dort wollte man ja heilen, durfte aber nicht.

Also ist er auf die Palliativstation verlegt worden. Karfreitag sind meine Schwester und mein Schwager aus dem hohen Norden nach NRW gekommen…mein Schatz und ich aus dem Taunus….und haben unseren Vater im Krankenhaus besucht. Ich war ja bereits am Mittwoch bei ihm…aber da war er überhaupt nicht ansprechbar.

Und er war noch mehr zusammengefallen, sogar das Streicheln der Hand war ihm unangenehm…aber er hat uns erkannt….hat mich mit meinem Kosenamen aus Kindheitstagen angesprochen…auch unsere Männer hat er mit den richtigen Namen angesprochen…aber mehr als 1 Minute konnte er nicht wach bleiben….immer wieder ist er eingeschlafen….

Das letzte und klärende Gespräch mit dem Arzt hat uns dann vor Augen geführt wie es um ihn stehen könnte! Auch der Arzt würde ihm gerne helfen, aber durch die Patientenverfügung sind ihm die Hände gebunden und würde er trotzdem Antibiotika geben, so würde sich der Arzt strafbar machen…und er meinte auch: unser Vater könnte leben – wenn er nur wollte und die notwendige Behandlung zulassen würde. Aber bei manchen Patienten würde der Körper auch ohne Medikamente die Blutvergiftung überstehen.

Ich weiß nicht warum, aber ich war davon überzeugt das unser Vater, dieser zähe Hund – der sooo viel in seinem Leben überlebt hat, auch das hier schaffen würde….Wir sind bis Samstagnachmittag in der Stadt geblieben, haben bei ihm zuhause gewaschen, geputzt, Papiere gesucht und zusammen getragen….und waren noch ein paar Mal im Krankenhaus…Dann sind wir wieder nach Hause gefahren….aber der Abend war noch nicht ganz vorüber das kam die Nachricht aus dem Krankenhaus: 39 Grad Fieber – aber nichts Lebensbedrohendes…

Ich war total durch den Wind  und mein Schatz und ich sind dann ca .1 ½ Stunden an der frischen Luft gewesen und haben geredet…vorher noch mit meiner Schwester abgestimmt…ich fahre erst morgen früh….wir müssen ja auch mal schlafen – und ich würde dann Ostersonntag wieder hin fahren und bleiben und ihn begleiten bis zum Schluß…so mein Plan….

Nun gut – kurz nach 3 Uhr nachts kam der Anruf meiner Schwester, das unser Vater tot ist… zu spät – jetzt brauch ich mich auch nicht mehr zu beeilen….so hab ich für mich entschieden ich bleibe Ostersonntag hier…weil wir bei meiner Quasi-Schwiegermutter eingeladen waren…und ihr Mann liegt ja zuhause auch im Sterben…gegen Abend hieß es ….das dauert jetzt nicht mehr lange….aber irgendwann musste ich nach Hause…ich  hatte für den nächsten Tag 11 Uhr bereits den Termin mit dem Bestatter….in NRW…..und wollte dann insgesamt 3 Tage bleiben für die  Formalitäten usw….

Nun der Mann meiner Quasischwiegermutter hat noch einen Tag durch gehalten und ist Ostermontag gegen Mittag gestorben….mein Schatz war bei seiner Mutter als sie auf den Arzt und später auf den Bestatter gewartet haben, während ich allein in der Wohnung meines Vaters war um etwas Ordnung in sein Chaos zu bringen….das allein sein tat gut

„Frohe Oster“ werde ich so schnell nicht mehr sagen können ohne an Ostern 2018 zu denken.

Das ist jetzt erst einmal die reine Geschichte, die Fakten…das Verarbeiten, hinterfragen und reflektieren kommt erst später…JETZT muss ich funktionieren….und das tue ich – ich funktioniere – kläre / mache / tue – räume aus / bringe weg / die Maschinerie der Nachlassverwaltung ist angelaufen…das Verarbeiten und trauern – das kommt später  –  jetzt muss ich handeln….

Zuviel Leben in zu kurzer Zeit und der Tod ist präsent

Die letzten Wochen waren nicht leicht.

Manchmal scheint das Leben zu stagnieren und dann passiert so viel auf einmal, das es auch für ein paar Jahre reichen würde…Mir ist es im Moment einfach zu viel…und ich wünsche mir wieder etwas mehr Routine und Banalität zurück.

Ich habe mich mit dem besten Freund meines Schatzes überworfen…auf die Nerven ist der mir schon eine Weile gegangen, aber vor ein paar Wochen ist das echt eskaliert, weil ich ihm mal sehr deutlich und klar gesagt habe was mir auf der Seele brannte…mein armer  Schatz stand dazwischen, aber ich hab ihm gesagt, er soll sich ja da raus halten, sich auf keine „Seite“ schlagen, also auch nicht auf meine…ich kann meine Disputs immer noch alleine austragen.

Der Mann meiner Quasi-Schwiegermutter ist sehr schwer an Krebs erkrankt und wird jetzt in den nächsten Tagen zum Sterben nach Hause geschickt. Er leidet sehr stark unter Schmerzen und meine Quasi-Schwiegermutter benötigt jetzt mehr Hilfe und seelischen Beistand. Mein Freund und ich reden jetzt ständig über Patientenverfügungen, Vollmachten, Testament nach Berliner Model, Erbrangfolge, Witwenrente und über das Sterben und den Tod.

Während der Autosuche hatten mein Schatz und ich auch noch einen Autounfall mit seinem alten Auto…es ist niemand von uns zu Schaden gekommen, aber das Auto ist jetzt ein wirtschaftlicher Totalschaden und mit dem neu gelernten Wort „irreführendes Blinken“ hat mein Schatz auch noch Teilschuld….nun gut – also muss das neue Auto jetzt sehr schnell angeschafft werden, schneller als geplant, damit auch teurer und vor der geplanten Zeit. Damit entfällt eine Teilfinanzierung über eine Bank, da mein Schatz ja erst Anfang des Monats den Job gewechselt hat….Seufz….aber auch dafür haben wir eine Regelung getroffen. Aber es bleibt eine Menge Papierkram mit den Versicherungen, Gutachter und mit dem Autohaus ….Das alte Auto steht jetzt leider noch in Garage – das neue Auto muss zwischenzeitlich eben draußen stehen….

Mein Stresslevel ist damit schon ziemlich hochgekocht, da kommen noch die Zahnarzttermine:  mein Schatz benötigt ein Implantat und noch so einiges anderes…und die Zahnärztin hat bei mir fest gestellt, das meine gesamt Kaumuskulatur sehr stark verkrampft ist und ich durch zu viel Druck meine Zähne zermalme…Ein Zeichen von Stress oder zu starken Muskeln im Kiefer.  Wenn ich mir jetzt noch meine leider wieder akuten Magen-Darm-Beschwerden eingestehe (über die ich nie rede, die aber seit Jahren immer wieder auftauchen) dann muss ich leider sagen: es ist der Stress…

…dann hat es uns Beide auch noch mit einem 2. Grippe-Schub erwischt…und trotzdem sind wir arbeiten gegangen.  Meine Schwester hat unseren Vater in der letzten Woche mehrfach nicht erreicht und die Krankenhäuser in seinen Wohnort abtelefoniert und tatsächlich – er war im Krankenhaus und hat nicht einmal Bescheid gegeben und auch nicht, als er entlassen wurde.  Polypen wurden entfernt.

und in dieser Woche hab ich eigentlich Urlaub, da erreicht mich die Nachricht das mein Vater mit einem  Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht wurde….Komplett dehydriert, in körperlich sehr schlechtem Zustand, er hat wohl mindestens einen Tag gelegen ohne das es jemand mit bekommen hat. Er war nicht ansprechbar, hat eine beginnende Lungenentzündung  und die Ärztin sprach von einem Magengeschwür Ich bin also hingefahren (270km) Mein Vater war überhaupt nicht ansprechbar und hat sich vor Schmerzen gewunden. Erst im Laufe der Untersuchungen ergab sich eine so stark entzündete Gallenblase das die Ärztin von einer Blutvergiftung sprach…

Meinem Vater wurde also sehr kurzfristig die Gallenblase heraus operiert…Er brauchte mehrere Bluttransfusionen und bisher geht es im noch nicht viel besser…so richtig ansprechbar ist er immer noch nicht.  

Da mein Vater nicht ansprechbar war, konnte er sich bei der Einlieferung nicht richtig anmelden, auch nicht der OP zustimmen…und auf einmal muss ICH entscheiden….Meine Schwester und ich sind laut der Patientenverfügung berechtigt für ihn zu entscheiden, wenn er es nicht mehr kann….und auf einmal musste ich schnell Entscheidungen treffen – was ich auch tat…hab mich aber per Telefon mit meiner Schwester abgestimmt… Puh – das ist schon ein immenser Druck den ich da gespürt habe, die Verfügung so zu interpretieren das es dem Willen meines Vaters auch tatsächlich entspricht .

Ich hab im Krankenhaus auch mit der Sozialstation gesprochen – die sind dort total nett und helfen uns nun: die stellen jetzt bei der Krankenkasse den Antrag auf Einstufung in einen Pflegegrad….und helfen uns bei der Entscheidung  ob ein ambulanter Pflegedienst, eine Kurzzeitpflege oder eine Pflegeheim für unseren Vater vernünftig wäre. Alleine Leben wird so nicht mehr funktionieren – ich hab in seiner Wohnung mal den Kühlschrank auf gemacht….und mich in der Wohnung umgeschaut….hmmm wofür bezahle ich eigentlich die Putzfrau, nur fürs Fensterputzen?

Ich bin durch all das sehr schnell gereizt, fühle mich schnell angegriffen und  gehe leicht in die Luft…da auch im Job aktuell vieles passiert und eigentlich meine volle Aufmerksamkeit erforderlich ist…ich bin gerade sehr dünnhäutig ..